Biografie
„Manchmal hat man das Gefühl, als wäre das Leben stehen geblieben“, berichtet Roman Kutschin. „Alles, was früher ganz normale Freuden waren – Arbeit, Treffen mit Freunden, Urlaubspläne, Familienträume –, ist plötzlich auf unbestimmte Zeit verschoben.“ Im Frühjahr 2026 führten Ermittlungsbeamte bei Roman eine Hausdurchsuchung durch und verhörten ihn.
Roman wurde im März 1994 in Kurgan geboren. Er hat einen älteren Bruder und eine ältere Schwester. Der Vater war die meiste Zeit seines Lebens als Fahrer tätig. Später arbeiteten die Eltern als Hausmeister. Die Kinder wurden dazu erzogen, jede ehrliche Arbeit zu respektieren und sich nicht vor körperlicher Arbeit zu scheuen. Im Sommer baute die Familie gemeinsam Kartoffeln an und stellte Heu für die Kühe her. Der Vater baute das Haus eigenhändig, und Roman war als Kind immer dabei – erst reichte er die Werkzeuge, später übernahm er leichtere Aufgaben. Diese Erfahrungen halfen ihm später bei der Berufswahl.
Rückblickend auf seine Schulzeit sagte Roman: „Ich habe es immer gemocht, handwerklich tätig zu sein und Neues zu entdecken. Technische Literatur, Psychologie und populärwissenschaftliche Bücher haben mich fasziniert.“ In den unteren Klassen besuchte er eine Arbeitsgemeinschaft für junge Naturforscher und wurde Mitglied in der Bibliothek. Roman und sein Bruder gingen gern angeln. Im Sommer sammelte die Familie Pilze und Beeren. In der Jugend entdeckte Roman das Powerlifting für sich.
Nach dem Schulabschluss schrieb sich der junge Mann in ein Berufskolleg für Bauwesen ein, allerdings schloss er die Ausbildung nicht ab: Bereits ab dem zweiten Lehrjahr begann Roman auf Baustellen zu arbeiten und merkte, dass er so schneller die nötigen Kenntnisse erlangte.
Mit der Zeit versuchte sich Roman in der Immobilienbranche – zunächst als Makler, später gründete er zusammen mit Partnern ein eigenes Unternehmen. Nach dem Umzug nach Tjumen arbeitete er als Verkaufsleiter für Lacke und Farben und anschließend als Techniker in einem Unternehmen für technische Anlagenbetreuung. Nach etwa sechs Monaten wurde Roman zum Bauleiter befördert, einige Monate später zum stellvertretenden technischen Direktor.
Roman hat vielfältige Interessen. Er spielt gern Schach und beschäftigt sich mit moderner Technik, eine Zeit lang interessierte er sich für Programmierung und Webentwicklung. Er treibt weiterhin Sport: „Für mich ist das nicht nur ein Weg, körperlich fit zu bleiben, sondern auch eine gute Möglichkeit, innere Ausgeglichenheit zu bewahren“, sagt er. „Gerade in den letzten Jahren helfen mir das Training und die Bewegung, Stress zu bewältigen und nach belastenden Ereignissen umzuschalten.“
Die erste in Romans Familie, die Kontakt zu den Zeugen Jehovas hatte, war seine Großmutter – bereits in den 1970er Jahren. Später schlugen auch seine Eltern den christlichen Weg ein. Roman wuchs in einer Familie auf, in der Frieden, Ehrlichkeit, Liebe und Respekt besonders wichtig waren.
„Meine Eltern haben mich nie gezwungen, ihren Glauben zu übernehmen“, erzählt Roman. „Sie wussten, dass der Glaube die persönliche Entscheidung eines Menschen sein sollte.“ In den oberen Klassenstufen begann er, sich intensiver mit der Bibel zu beschäftigen. Er erinnert sich: „Mir fiel immer öfter auf, wie sich Gleichaltrige veränderten: Einige begannen zu rauchen, andere tranken zu viel, manche kamen mit Drogen in Kontakt oder begingen Diebstähle. Es war schwer mitanzusehen, wie solche Entscheidungen ihre Beziehungen zu Angehörigen zerstörten und ihre Zukunftspläne zunichtemachten.“ Im Jahr 2010 ließ sich Roman taufen und wurde Zeuge Jehovas.
Biblische Grundsätze bilden für Roman die Basis der Ehe. Seinen Worten nach helfen sie ihm und seiner Frau, Herausforderungen ruhig zu besprechen, die Meinung des anderen zu respektieren und gemeinsam Lösungen zu suchen. Jekaterina ist Grafikdesignerin. Die beiden lernten sich im Freundeskreis kennen. Im Sommer 2020 haben sie geheiratet.
Einige Zeit lebte das Ehepaar in Tjumen, doch wegen der Strafverfolgung mussten sie nach Kurgan zurückkehren. Die Familie von Roman und Jekaterina ist seit mehreren Jahren Repressionen wegen ihres Glaubens ausgesetzt. 2021 wurde bei Romans Eltern in Kurgan eine Hausdurchsuchung durchgeführt, danach wurden sie und seine Schwester mehrfach zur Vernehmung vorgeladen. Später fand auch bei Jekaterinas Eltern eine Hausdurchsuchung statt. „Diese Ereignisse waren für unsere ganze Familie eine ernste Prüfung“, sagt Roman. „Durch den anhaltenden Stress verschlimmerten sich bei meinen Eltern chronische Krankheiten. Trotz eigener Sorgen unterstützen sie uns weiter. Ihre Liebe ist für uns in dieser schwierigen Zeit zu einer der wichtigsten Stützen geworden.“
