„Eine gebildete und taktvolle Person, die keinen Anlass zu Misstrauen gibt.“ In Tscheboksary wurde ein Zeuge Jehovas zu 6,5 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
TschuwaschienAm 22. September 2026 schickte das Stadtgericht Nowotscheboksarsk den 46-jährigen Albert Piltschikow für 6,5 Jahre in ein Straflager. Der Mann wurde wegen dem Organisieren der Aktivitäten einer extremistischen Organisation wegen seiner Glaubensausübung verurteilt. Piltschikow wurde direkt nach der Urteilsverkündung in Haft genommen.
„Was ist falsch daran, dass ich ein gläubiger Mensch geworden bin, meine schlechten Gewohnheiten abgelegt habe, aufmerksam, freundlich und liebevoll geworden bin?“, fragte Albert in seinem letzten Wort. „Wo sieht die Anklage in diesen Taten ‚Extremismus‘? Ehrlich gesagt, ich verstehe es nicht.“
Ein Teil des Prozesses unter Leitung der Richterin Jekaterina Ogorjelzewa fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – das hatte die Anklage durchgesetzt. Dennoch kamen Alberts Freunde um ihn zu unterstützen – an verschiedenen Tagen versammelten sich vor dem Gerichtsgebäude jeweils 50 bis 60 Personen. Piltschikows Mutter nahm trotz ihrer Behinderung an jeder Sitzung teil.
Hauptzeuge der Anklage war der anonymisierte „Nikolajew“. Die Verteidigung beantragte zweimal, seine Identität offenzulegen, doch das Gericht lehnte ab. „Die Anklageseite stützte sich aktiv auf Audio- und Videoaufnahmen, die von Nikolajew gemacht worden sein sollen“, sagte Albert vor Gericht. „Aber bei der Verhandlung sagte der Zeuge, er hätte keinerlei Aufnahmen gemacht. Woher stammen sie also?“ Ein weiterer Zeuge der Anklage, Afanasjew, Mitarbeiter des Zentrums zur Bekämpfung von Extremismus, beschrieb bei der Vernehmung vor Gericht den Gläubigen wie folgt: „Piltschikow ist gebildet, taktvoll, ruhig und gibt keinen Anlaß zu Misstrauen.“
Zu den Beweismitteln zählte ein Video, das von den Ermittlungsbehörden als Zusammenkunft der Zeugen Jehovas auf Französisch dargestellt wurde. Bei der Überprüfung im Gericht stellte sich jedoch heraus, dass es ein medizinisches Webinar über Osteopathie war.
Bei Albert fand bereits im Herbst 2020 eine Hausdurchsuchung statt. Das Strafverfahren gegen den Gläubigen wurde erst über 5 Jahre später, im März 2026, eingeleitet. Zu diesem Zeitpunkt wurde der Mann festgenommen. „Ermittlungsbeamte warfen mich zu Boden, legten mir Handschellen an, zerrten mich in einen Kleinbus und drohten mir mit dem Einsatz von Gewalt“, erzählte Albert. Nach einigen Tagen im Untersuchungsgefängnis wurde der Gläubige unter Hausarrest gestellt, der bis zum Urteil andauerte.
Piltschikow ist der zehnte Zeuge Jehovas, gegen den in Tschuwaschien ein Strafverfahren eingeleitet wurde. Die meisten Beschuldigten in dieser Region sind bereits älter.

